Corporate Social Responsibility & Corporate Cultural Responsibility favorisieren Kunstförderung

Nicht nur die mittlerweile weit über 400 Mitglieder des Kulturkreises der Deutschen Wirtschaft dokumentieren „die in Deutschland hohe Bereitschaft, Kunst zu fördern und gesellschaftliche Mitverantwortung zu übernehmen für den Erhalt und die aktive Gestaltung eines lebendigen und zukunftsorientierten Kulturlebens“. Die Attraktivität besteht beiderseits. So berichtet die für das E.on-Kultursponsoring verantwortliche Dorothee Gräfin von Posadowsky im WamS-Interview (www.wams.de/data/2006/03/05/854893.html): „Heute stehen Maler, Bildhauer und Installationskünstler Schlange vor den Chef-Etagen, sie suchen die Nähe zur Wirtschaft”.

Tatsächlich kann man sich über die meist unkritische oder aber schizophrene Haltung vieler Künstler wundern, stehen diese in Gesprächen doch nicht nur E.on kritisch gegenüber. Interessanterweise kam von dem Unternehmen bis heute auch nach mehrmaligem Nachfragen keine Antwort auf Fragen, die sich auch damit beschäftigen mussten, inwieweit sich das Unternehmen mit seinem Kunst- und Kulturengagement ein besseres Image geben möchte.

Das Thema ist aktueller denn je. Neben prominenten Ausstellungshäusern bedienen sich auch Kleinstunternehmen der Chance, sich über die Kultur ins Gespräch zu bringen, mit Künstlern in einen Austausch zu treten, der neue Impulse und kommunikative Kraft geben.

So berichtet die Kulturmanagerin Joan Wedell von ihren Anfängen in der Hamburger medien denk fabrik, einem genossenschaftlichen Verbund von FreiberuflerInnen in Kunst, Kultur und Medien, dass sie „am Anfang die Idee hatten, Ausstellungen in unserer Bürogemeinschaft zu machen um unsere Kundenkommunikation zu verbessern“. Die Kunst war so ein Aufhänger, der Vorteil Kundenpflege und Bürogestaltung. Darum gingen und gehen bei Verkauf eines Bildes 100 % des Erlöses an den Künstler und wir finanzieren die Bewirtung der Gäste bei der Vernissage. „Außerdem haben wir alle gemerkt: Kunst wirkt, das Betrachten eines Bildes kann unser Leben verändern. Dadurch, dass wir täglich die Bilder erlebten, passierte was, haben wir mit der Zeit ein ganz anderes Verständnis, einen neuen Blick auf die Bilder bekommen. Und wie unterschiedlich unser Büro wirkt, dadurch dass Werke verschiedener Künstler hier hängen“.

Dadurch angeregt, fand Wedell zu der Idee, eine Agentur für Kunst aufzuziehen, mit der sie derzeit das spektakuläre „Lightmarks“-Projekt initiiert (www.lightmark.de), für das sie wiederum den Tourausrüster „Globetrotter“ als Hauptsponsor und Kooperationspartner für Aktionen gewinnen konnte. Wie die medien denk fabrik bemerken auch andere Unternehmen den unmittelbaren gegenseitigen Nutzen: Künstler kommen ins Gespräch auch mit Menschen, die sie sonst kaum erreichen und verkaufen Arbeiten. So integrierten etwa Siemens und Beiersdorf Kulturarbeit längst intern in die Mitarbeiterbetreuung.

Ebenso erleben Unternehmer, dass sich Kunstengagement auszahlt: „Den Stellenwert, den wir heute in der EDV-Branche besitzen, hätten wir ohne Corporate Social Responsibility (CSR) nicht erreicht“, davon ist „Columbus“-Chef Wagener überzeugt. Werte wie Ernsthaftigkeit und Langfristigkeit, die das Kulturengagement vermittle, hätten sich positiv auf die Unternehmenskultur und das Betriebsklima ausgewirkt, berichtete er am 12.06.06 der FTD anlässlich der Verleihung des Kulturförderpreises des BDI an sein Unternehmen. Das erleichtere zudem, „neue Mitarbeiter zu finden und unsere Fachkräfte zu halten.“

Durch seine Kunst studierende Tochter war er zur Kunst gekommen; mit rund 300.000 Euro unterstützt er mit seinem Dienstleistungsunternehmen 34 junge Künstler durch wohl durchdachte Fördermaßnahmen wie Ausstellungen, ein Förderprojekt, Publikationen und seine entstehende Sammlung auf dem Weg in die Professionalität. Columbus beschäftigt einen Kurator (Jörg van den Berg) sowie einige Mitarbeiter eigens für den Kunstbereich.

Interessant ist, dass durchaus nicht alle Unternehmen im gleichen Maße ihre Kunstförderaktivitäten für die PR nutzen. So findet sich in „Faktor X“ (s. Literaturliste) eine Umfrage zur „Förderung zeitgenössischer Kunst in Münchner Unternehmen“, in welcher auch dezidiert danach gefragt wird, ob für die Aktivitäten Pressearbeit geleistet werde. Von „wenig“ (Münchener Rück) über „zurückhaltend“ (Allianz) und „projektweise“ (Burda) bis intensiv (Philip Morris) lauteten die Antworten, was Aufschluss gibt über die Positionierung der Kunstförderung im eigenen Hause.

„Kultur ist eine relevante gesellschaftliche Grundlage und die Kunst ein innovatives Experimentierfeld. Selbst Spitzenmanager können, wollen und sollten nicht nur ökonomisch denken. Die Kunst bietet einen großen Freiheitsspielraum gegenüber der Ökonomie und weitere geistige Perspektiven als beispielsweise der soziale oder ökologische Bereich!“ rief der Soziologe Holger Backhaus-Maul (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg) anlässlich des Symposiums „Corporate Cultural Responsibility“ (CCR) am 1. Juni 2006 in Berlin überschwänglich aus, „machen wir alle gemeinsam etwas Großartiges aus dieser Verantwortung!“

Ironie des Gesagten: Was soll bitte „Großartiges“ heraus kommen, wenn die „Freiheit“ der Kunst hier doch wohl die Weitläufigkeit bzw. Beliebigkeit, deren Vermeidung sozialer oder ökologischer Zielsetzungen meint? Verrät sich hier die wahre Intention mancher Kunstförderung - nämlich möglichst ein Deckmäntelchen für das Nichts-Sagende liefern zu sollen? So hängt die Kunstförderung zwischen wirklichem Idealismus und gutem Willen gerade bei kleineren Unternehmen und dem großen Nichtssagen, das entgegen der landläufigen Beteuerung von CSR und CCR nicht selten schlicht Verantwortungslosigkeit hübsch bunt kaschiert. Da machen viele Künstler mit - doch auch immer zu ihrem eigenen, geschweige denn zum gesellschaftlichen Nutzen und Guten?


Künstler sollten sich genau überlegen, mit wem und wie sie zusammen arbeiten: Stimmt die eigene Einstellung mit den Zielen des Unternehmens überein? Sind die Ausschreibungsunterlagen klar formuliert, sind die Verträge rechtlich einwandfrei? Wie ist der Ruf der jeweiligen unternehmerischen Kunstförderung?

Unternehmen finden hier sehr gute Informationen und Checklisten:
www.corporate-cultural-responsibility.de/03_content/service.html

Formen unternehmerischen Kunst-Engagements sind u. a.:
Spenden, Stiftungen, Preise, Sponsoring, Corporate Citizenship, Public Private Partnership

Literatur-Tipps

Zeitschriften
www.atelier-verlag.de
www.jungekunst-magazin.de
www.artinvestor.de

Bücher
Blanke, Torsten: Unternehmen nutzen Kunst, Neue Potentiale für die Unternehmens- und Personalentwicklung, Klett-Cotta, Stuttgart 2002, ISBN 3-608-94054-5
Kunstförderung in Deutschland (Hg.): Theorie und Praxis der Kunstförderung, GKS Gesellschaft für Kunstförderung und Sponsoring, Bad Honnef 2005, ISBN 3-9808298-1-2, www.gks-kunstsponsoring.de
Grosz, Andreas/Delhaes, Daniel: Die Kultur AG, Neue Allianzen zwischen Wirtschaft und Kultur, Hanser, München 1999, ISBN 3-446-21008-3
IWK - Initiativen Wirtschaft für Kunst (Österreich): hervorragende Informationen zu Kunstförderung und -sponsoring (www.iwk.at)
Litzel, Susanne/ Loock, Friedrich/ Brackert, Annette: Handbuch Wirtschaft und Kultur. Formen und Fakten unternehmerischer Kulturförderung, Springer Berlin, Berlin 2003, ISBN 3-540-443347
Nollert, Angelika/ Matzner, Florian/ Sonna, Birgit: Faktor X, Zeitgenössische Kunst in München, Eine Initiative des Siemens Arts Program, Prestel, München/Berlin/London/New York 2005, ISBN 3-7913-3377-1
Schwarzer, Yvonne: Über die Kunst, Kunst zu verkaufen, ars momentum Kunstverlag (Boesner), Witten 2005, ISBN 3-938193-06-9

Websites
www.aks-online.org
www.cerec-network.org
www.corporate-cultural-responsibility.de
www.kulturkreis.org
www.kulturmanagement.net
www.hk24.de (Unternehmerische Kulturförderung der Handelskammer Hamburg)
www.iwk.at
www.artculturemanagement.de (Kultur + Wirtschaft im Dialog)
www.kunstprivat.info

Adressen
www.joanwedell.de
www.columbus.ag
www.siemensartsprogram.com
www.eon-energie.com
www.dresdner-bank.com
www.pmintl.de

Checklisten, Tipps und Info-Links zum Einstieg in die Kulturförderung:
www.corporate-cultural-responsibility.de
www.iwk.at
GKS Gesellschaft für Kunstförderung und Sponsoring: Kunstförderung in Deutschland, Theorie und Praxis der Kunstförderung, GKS, Bad Honnef 2005


Kurt Tucholsky: Zehn Gebote für den Geschäftsmann, der einen Künstler engagiert (1928)

1.
Lass ihn in Ruhe.
2.
Überlege dir vorher, ob der Mann für deinen Betrieb passt; das machst du am besten so, dass du dir seine Werke ansiehst und dich bei jedem fragst: Kann ich das gebrauchen? Wenn du die Mehrzahl nicht gebrauchen kannst, dann engagiere den Mann nicht. Denn:
3.
Wenn ein Künstler anständig ist und etwas taugt, ändert er sich dir zuliebe nicht, nur weil du mit ihm einen Vertrag gemacht hast – ändert er sich aber, hast du nur einen Namen bezahlt, also einen Mann überzahlt.
4.
Lass ihn in Ruhe.
5.
Disponiere sorgfältig, damit sich dein Mann nicht zu überstürzen braucht – Kunst will Zeit wie eine saubere Bilanz. Man kann, wenn man Pech hat, Flöhe aus dem Ärmel schütteln; Kunstwerke nicht.
6.
Du sollst den Feiertag deiner Leute heiligen: du irrst, wenn du glaubst, dass es für Fremde ein Genuss ist, den Sonntag in deiner Familie zu verbringen. Es ist mitnichten einer.
7.
Wenn der Künstler, den du engagiert hast, am Werk ist, halte ihm täglich fremde Arbeiten vor die Nase und fordere ihn, in anerkennenden Worten für den andern, auf, dergleichen „auch mal“ zu machen. Das ermuntert ungemein.
8.
Wenn du mit deinem Künstler verhandelst, besinne dich nur nicht, dass auch du eigentlich ein Künstler seist: du hast beinah studieren wollen, doch dein Vater hat dich ins Getreidegeschäft getan … Zugegeben. Aber nimm deinen falschen Ehrgeiz nicht mit ins Büro: der Künstler redet dir ja auch nicht in die Abschlüsse hinein – o beschneide auch du die holden Maientriebe deiner vertrockneten Kunstanschauung, dieser Rose von Jericho!
9.
Höre auf die Stimme des Publikums, aber überschätze sie nicht – in dir selbst muss die Kompassnadel die Richtung anzeigen. Zwanzig Briefe aus dem Publikum sind noch nicht die Volksstimmung – vergiss dies nicht, und lass die Dummheit der Leute den Künstler nicht entgelten.
10.
Lass ihn in Ruhe.

(Quelle: www.corporate-cultural-responsibility.de)


BILDMATERIAL

www.corporate-cultural-responsibility.de/download/Hutter_Praesentation.pdf
Michael Hutter
Prof. Dr. Michael Hutter ist Inhaber des Lehrstuhls für Theorie der Wirtschaft und ihrer Umwelt an der Universität Witten/Herdecke. Er lehrt und forscht zu den Themen der Informations-, Medien- und Kulturökonomik. Zusammen mit Dr. Beate Henschel vom Siemens Arts Program hat Prof. Dr. Michael Hutter 2002 das Projekt “Corporate Cultural Responsibility” initiiert.

www.kulturkreis.org/steckbriefdownload.shtml?dbAlias=kulturkreis&identifier=176&version=3&content=file.pdf
Organigramm www.kulturkreis.org

www.lightmark.de
- sehr schöne Motive !! -