Auf dieser Website reverent.org von Mikhail Simkin können Sie testen, ob Sie einen Pollock von einem Bürgersteig voller Vogelkot oder einen Kandinsky von einem Werk eines Affen unterscheiden können. Zugegeben, dass ist recht einfach. Trotzdem ist es verblüffend wie ähnlich sich die Werke sind. Ist das jetzt einfach nur witzig oder können wir ernsthaft etwas daraus lernen?

Pollock

Ich denke ja, denn das Quiz führt uns zu der spannenden Frage: Warum werden für einen Pollock Millionen gezahlt und der Vogeldreck ist den Menschen höchstens ein Naserümpfen wert?

Nun, da gibt es sicher mehrere Aspekte. Unter anderem ist Pollock ein Mensch und seine Bilder riechen sicher besser. Aber im Ernst: Ein sehr wichtiger Aspekt scheint mir einer zu sein, an den viele Künstler vielleicht gar nicht denken: Die kunsthistorische Bedeutung und Einordnung.

Wie bitte?!

Ich habe ein Interview mit dem ehemaligen Galeristen, Generalsekretär der zweiten documenta und Art Cologne Preisträger 2006 Rudolf Zwirner gelesen, der diesen Aspekt für den Kunstmarkt betont. Er antwortete auf die Frage, “Wie würden Sie es angehen, heute eine Galerie zu eröffnen?”:

“Den Startvorteil, den ich damals durch meine gesammelten Erfahrungen auf der zweiten documenta hatte, würde ich heute versuchen, durch gezielte kunsthistorische Studien auszugleichen. Zudem würde ich für ein Jahr eine Analyse der Bestände zeitgenössischer Kunst in den großen internationalen Museen durchführen, so dass ich nicht nur jeden Museumsdirektor persönlich kennen würde, sondern auch dessen Ausrichtung und Meinung. Ich würde mich intellektuell auf meinen Beruf vorbereiten, um dann prägend eingreifen zu können.”

Und an anderen Stellen:

“In der Tat stelle ich fest, dass Kunsthändler von der Kunstgeschichte sehr oft wenig Ahnung haben. Es passiert mir doch immer wieder, wenn ich auf den großen Messen in Köln oder Basel bin, Plagiate entdecke und vom jeweiligen Aussteller auf Nachfrage erfahre, dass ihm die Vorbilder unbekannt sind. Die Galeristen verlassen die Schule, mit oder ohne Abitur, eröffnen eine Galerie und haben nicht die leiseste Kenntnis von dem, was vor zwanzig, dreißig Jahren und früher geschaffen wurde. Das ist ein großes Problem.”

“Allerdings ist ein Gefühl für Qualität durchaus erlernbar. Das ständige Vergleichen von Kunstwerken aller Epochen führt zunehmend zu einem Qualitätsbewusstsein.”

Der Wert eines Kunstwerks richtet sich sicher nach der Bekanntheit des Künstklers und nach der aktuellen Nachfrage auf dem Kunstmarkt. Aber die Einschätzung eines Kunstwerks ist immer auch eine kunsthistorische. Jackson Pollock wurde bekannt als Begründer des Action Painting.

Welchen Platz nehmen Sie als Künstler, nimmt Ihr Werk unter all den anderen Künstler und Werken ein, die es bereits gibt?

Eine vermessene Frage? Vielleicht. Vielleicht aber auch eine Frage, die Ihnen hilft herauszufinden, wo Sie stehen und wohin Sie wollen. Auf jeden Fall eine Frage, die Sie davor bewahren kann, dass man Ihnen plötzlich vorwirft, Sie hätten vom großen XY einfach abgekupfert - und Sie selbst hatten keine Ahnung davon. Wenn Sie Ihr eigenes Werk kunsthistorisch einordnen können, dann könnten Sie zumindest sagen: “Jackson Pollock hat seine Farben selbst auf die Leinwand getropft. Ich bin einen Schritt weitergegangen und habe die Vögel selbst die Kleckse machen lassen.”