Der Kurator - zwischen Kunst und Selbst-Inszenierung

Kunstausstellungen sind schon lange nicht mehr eine „reine“ Zurschaustellung von Künstler-Werken. Sie erfordern Konzepte, Regie, Projektmanagement, Kommunikationsstrategien und Finanzierungsmodelle und gehen damit den Weg vieler Betätigungen auf dem Kunstmarkt hin zu einer diversifizierten und durchstrukturierten Professionalisierung.

Der Kurator steht an einer wichtigen Nahtstelle, bei ihm laufen viele Bereiche der Kunst zusammen, wie Künstler, Kunstwerk, Ort, Publikum und Vermittlung. Er ist Regisseur, Organisator und Kommunikationsmanager in einem, schlicht „Mädchen für alles“ (Tannert/ Tischler 23). Dieser Mix ergibt ein schillerndes Berufsprofil, das die oszillierenden Entgrenzungen des Kunstbetriebs wie im Brennglas bündelt, dessen äußerste Pole wohl zwischen der Unterordnung unter Kunst und Künstler auf der einen, der Unterordnung der Kunst (und damit der geradezu absolutistischen Selbst-Inszenierung) auf der anderen Seite angesiedelt sind.

„Men in Black“, das „Handbuch der kuratorischen Praxis“, das Bethanien-Geschäftsführer Christoph Tannert und Ute Tischler (Kulturamt Berlin) gemeinsam heraus gaben, bietet die gegenwärtig wohl beste Quelle zur Auseinandersetzung mit dem „Phänomen Kurator“: ein ausführlicher Überblick über Förderungs- und Ausbildungsmöglichkeiten und mehr als hundert Statements von Kuratoren, Kritikern und Künstlern bieten einen grundlegenden Fundus an Facetten der historischen Entwicklung und Funktionszuweisungen, der sich spannend und unterhaltsam liest.

Von Kuratoren, speziell von „freien“, von denen hier im Wesentlichen die Rede ist, wird fast übermenschlich viel erwartet: sie sollen - und dies ist nur eine Auswahl geforderter Kriterien - kunsthistorisch und -kritisch beschlagen, in der Welt der Künstler zuhause, gesellschaftspolitisch auf der Höhe der Zeit sein, dabei eloquent, teamfähig und wirtschaftlich denkend, um nur einige Aspekte zu nennen.

Eine stringente Ausbildung zum „Kurator“ gibt es, so zeigt schon dieses Beispiel, nicht. Ätzend bemerkt Michael Glasmeier, der Kurator sei „wie Fußpfleger kein staatlich anerkannter Beruf“ (Tannert/ Tischler 24). Die Realität zeigt allerdings, dass sich ohne umfassende Erfahrungen keine Arbeitsmöglichkeiten bieten. Wer sich als Freier auf Dauer durchsetzen will, muss mehr tun als eine einmalig Aufsehen erregende Schau zu realisieren.

Aber auch Künstler selbst werden zunehmend als Kuratoren entdeckt. So ist für Veit Loers (ehemals Museum am Abteiberg, Mönchengladbach) das Wichtigste „der Umgang mit der Kunst, die Selektion und das Mitdenken in der künstlerischen Intention. Deshalb sind KünstlerInnen nicht die schlechtesten KuratorInnen“ (Tannert/ Tischler 25). Der Deutsche Museumsbund gibt dieser Überschneidung eine klare Bezeichnung: „Künstlerkuratoren sind Künstler, die als Kuratoren auftreten“, so Fachgruppensprecher Dr. Lucius Grisebach, „der Begriff erhielt Aktualität und Verbreitung anlässlich einer grundsätzlichen Auseinandersetzung über eine Neuordnung der Sammlungen des ,Museums Kunst Palast’ in Düsseldorf vor einigen Jahren.“ Dort wurde die „traditionelle entwicklungsgeschichtliche Ordnung aufgegeben zugunsten einer von zwei Künstlern - Thomas Huber und Bogomir Ecker - entwickelten sehr assoziativen, teils motivischen, teils ,strukturellen’ Zusammenstellung“.

Eine Gratwanderung tut sich hier also auf zwischen Künstler und Kurator: Viele Kuratoren verstanden sich in der Vergangenheit selbst als Künstler, ihre Ausstellungen und Projekte als Kunst(werk). Besonders intensiv setzt sich Claudia Büttner in ihrer Dissertation „Art Goes Public“ in einem Exkurs „Der Kurator als Künstler“ mit diesem Paradigmenwechsel auseinander. So zwinge das unpersönliche Produkt „Großausstellung“ den Kurator geradezu, diesem seinen persönlichen Stempel aufzudrücken: „Die Vermittler übernahmen mit dem Anspruch auf künstlerische Tätigkeit jene Künstlerattitüden, die von vielen Künstlern nicht mehr geboten bzw. abgelehnt wurden, und sicherten damit die für die Medienresonanz bedeutsame persönliche Komponente, den human touch“ (Büttner 223). Ausstellungen und ihre Begleitveröffentlichungen werden zu Kunstwerken - wer die dicken Wälzer einmal aufmerksamer studiert, wird dies leicht nachvollziehen können, die Ausstellungsmacher zu Markenzeichen, die über die Akzeptanz entscheiden.

In der ZEIT resümierte Hanno Rauterberg mit seinem Lamento im Mai 2004 geradezu indigniert: „Künstler sind Kritiker, Kritiker Kuratoren und Kuratoren Künstler“, das Unreine sei zum Leitbild geworden. Eigentlich geht es ihm um Kritiker, um Kunstkritik und wie diese sich heutzutage unabhängig halten könne. Seine Einlassung, wie denn der Kritiker „die Macht der Kuratoren hinterfragen“ könne, wenn er selbst zu ihnen gehöre, wenn er damit also seinen Kuratorenauftrag oder Schreibaufträge im Zusammenhang mit Ausstellungen in Gefahr bringen könnte, überzeugt.

Es zeigt sich, dass alle Beteiligten im Kunstgeschehen eng miteinander verwoben sind. Umso nötiger werden also ein Überdenken und eine klare Abgrenzung zukünftig sein, um den einzelnen Akteuren wieder Trennschärfe zu verleihen.

In Konkurrenz zu anderen Kunstvermarktern wie etwa Galerien sehen sich die Kuratoren nicht; sie sind damit keineswegs „weitere Läuse am Arsch der Künstler“, wie es Peter Funken (Tannert/ Tischler 23) provokant formulierte. Sondern Spezialisten der Kunstinszenierung und -vermittlung, von denen Künstler profitieren können.

Wer also mit einem Kurator zusammen arbeiten möchte, sollte sich überlegen, welches Selbst-Verständnis er bei seinem Gegenüber und potenziellen Geschäftspartner voraus setzt. Liegt eine gemeinsame Basis vor, kann sich daraus eine gute Chance für eine gedeihliche Zusammenarbeit ergeben, auch wenn der direkte Abverkauf der Werke dabei nicht im Mittelpunkt steht - dem Image und damit der Wertsteigerung kann eine solche auf Langfristigkeit angelegte Kooperation nur förderlich sein.


Kuratoren können nicht Mitglied der KSK werden. Außer sie können darlegen, dass ihre Projekte künstlerische Arbeiten sind. Informationen und Hilfestellung: www.paul-klinger-ksw.de und www.mediafon.net.

Adressen
Praxisforum Berufsorientierung (www.praxisforum-berufsorientierung.de)
Goldsmiths College (www.goldsmiths.ac.uk)
Edinburgh College of Art (www.fruitmarket.co.uk)
Atelierwohnungen für Künstler in Krems an der Donau/Niederösterreich, Galerie Stadtpark Krems (www.galeristadtpark.at)

Literatur
Claudia Büttner: Art Goes Public, Von der Gruppenausstellung im Freien zum Projekt im nicht-institutionellen Raum, Verlag Silke Schreiber, München 1997
Ana Paula Cohen & Maria Lind (Hg.): Curating with light luggage (Symposium, Kunstverein München (25. - 26. Okt. 2003), Revolver - Archiv für aktuelle Kunst, Frankfurt/M. 2003
Landeshauptstadt München/ Claudia Büttner (Hg.): kunstprojekte_riem, Öffentliche Kunst für einen Münchner Stadtteil (dt.-engl.), Springer Verlag, Wien 2004
Jean H. Martin/ Thomas Huber/ Barbara Til/ Andreas Zeising (Hg.): Künstlermuseum. Bogomir Ecker und Thomas Huber. Eine Neupräsentation der Sammlung des Museums Kunstpalast, Düsseldorf 2002
Jörn Müller: Berufe in Kunst und Kulturvermittlung, in: DIE ZEIT 45/02
Hans-Ulrich Obrist: Delta X, Der Kurator als Katalysator, Lindinger + Schmid, Regensburg 1996
Hanno Rauterberg: Kunstkritik - Die Feigheit der Kritiker ruiniert die Kunst, in: DIE ZEIT, 05/04
Christoph Tannert/ Ute Tischler (Hg.): Men in Black, Handbuch der kuratorischen Praxis, Künstlerhaus Bethanien, Revolver - Archiv für aktuelle Kunst, Frankfurt/M. 2004