Deutsche Kunsthochschulen im Wandel - Beispiel Bremen und Nürnberg

Wer immer sich heute mit der Ausbildung an Kunsthochschulen und -akademien auseinandersetzt, kommt um eine Frage nicht mehr herum: Welche Relevanz hat das Studium? Und wie und warum verteidigt man auch in Zeiten des Bologna-Prozesses grundlegende Besonderheiten des Kunststudiums?

Professionalisierung, Vorbereitung auf den Kunst- und Arbeitsmarkt, Grundkenntnisse in Selbstpräsentation und Marketing werden zunehmend als Bestandteile auch des Kunststudiums gesehen. Nicht erst in Zeiten des „Bologna-Prozesses“ ist dies vonnöten, wohl aber auch, weil sich zum einen Hochschul- und Universitätsstudien zunehmend ökonomischem und gesellschaftlichem Rechtfertigungsdruck ausgesetzt sehen. Wohl aber auch, weil gerade Kunststudenten abschließend zu maximal drei bis sechs Prozent - hier divergieren die Schätzungen - von dem Erlernten leben können.

In der Praxis bieten mittlerweile viele Kunsthochschulen und Akademien entsprechende Lehrinhalte an. Ob in Form von Vorlesungen, Exkursionen oder Workshops, das Thema „Praxisbezug“ ist nicht mehr tabu. Allein an der tagtäglichen Umsetzung scheint es in den Institutionen selbst häufig zu hapern: Im Gespräch mit Vertretern, ob Presseverantwortlichen oder Studentenvertretern, von Kunsthochschulen drängt sich mitunter der Eindruck auf, dass man sich bemüht: um Studientransparenz, Kunstmarktaufklärung, Kontakte zur „Außenwelt“ - allein an der Umsetzung und auch an der Akzeptanz durch die Studieren scheint manches noch im Argen zu liegen.

Eine Pressestelle verweist gar darauf, dass man Jura und Kunstmanagement studiert habe; dass die Zuständige keinerlei Ahnung hat von Fachmedien, journalistischen Anforderungen oder Folgerecht, verwundert dann doch. Auch die Versorgung mit Bild- und Informationsmaterial läuft alles andere als einfach - in der Theorie ist das Problem erkannt, an der Umsetzung hapert es zumeist. Hingegen zeigen bezeichnenderweise Bremen und Berlin - beides zudem die einzigen deutschen Hochschulen, die Kunst und Musik unterrichten -, die vorbildliche Professionalisierungsangeboten bieten, dass die Anforderungen auch in der Hochschulkommunikation ankommen können.

Dabei ist das Problem erkannt, nicht erst, seit sich vom 13. bis 15. Juli 2006 internationale Experten zum Symposium „RLTY CHCK“ trafen, das die Internationale Gesellschaft der Bildenden Künste (IGBK) in Kooperation mit der Akademie für Bildende Künste der Johannes Gutenberg-Universität Mainz durchführte. Es widmete sich der Ausbildung von Künstlerinnen und Künstlern an europäischen Kunsthochschulen, einem Thema, das vor dem Hintergrund der geforderten Einführung von Bachelor- und Masterabschlüssen derzeit intensiv diskutiert wird. Ausgangspunkt der Diskussionen und Betrachtungen war, dass „der Utopie eines offenen europäischen Bildungs- und Forschungsraumes Befürchtungen einer Bürokratisierung und Ökonomisierung der Künstler/innen-Ausbildung“ entgegen stünden.

Dazu gehören auch - spezifisch für Deutschland wesentlich - Fragen wie zur Zeitgemäßheit der personalisierten Lehre, aber auch zur Markt- und Finanzsituation von Absolventen. Insbesondere Klaus Jung, Head of School of Fine Art an der Glasgow School of Art, fordert, dass die Kunst endlich im Zentrum der Gesellschaft ankommen müsse. Auch wenn die Randposition mehr Freiheit verspreche, müsse doch klar gemacht werden, dass Kunst die Gesellschaft überlebensfähig mache - „die Konsequenz ist, dass die Kunsthochschulen im Bildungssystem mitspielen und sich an dessen Regeln halten müssen.“

Wenige Hochschulen nehmen sich des Themas „Studium - doch was dann?“ derart professionell an wie die Hochschule für Künste Bremen und die UdK Berlin. Mit dem Projekt „Professionalisierung und Chancengleichheit in künstlerischen Berufen“ (seit 2004) will die Hochschule für Künste Bremen dazu beitragen, die Ausbildungslücke zu schließen. Bereits in den Jahren 1998 bis 2001 konnte an der Bremer Hochschule das Modellprojekt „Künstler(in) als Beruf“ durchgeführt werden, finanziert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung, das Land Bremen und unterstützt durch den Berufsverband Bildender Künstler/innen. Seitdem gehört „Berufskunde/Professionalisierung“ zum Pflichtprogramm der Ausbildung. Heute ist die Pflichtveranstaltung ein Einstieg in den Professionalisierungsprozess, der dann von Studierenden frei gestaltet werden kann.

„In den letzten Jahren haben wir an der Hochschule für Künste besonders intensiv die Auseinandersetzung um den erweiterten Kompetenz-/Ausbildungsbedarf geführt. Die Ergebnisse des Modellprojektes werden jetzt verstetigt“, fasst Pelz die Bemühungen zusammen. „Wesentlicher Aspekt dabei ist, dass es neben der Vermittlung von Kenntnissen auch um den Erwerb von Kompetenzen geht, was bisher nicht ausreichend berücksichtigt worden war und neue Herangehensweisen erfordert“; zu dem Thema hat im November 2006 an der Hochschule für Künste eine bundesweite Fachtagung zu dem Thema stattgefunden.

Pelz formuliert einen „erweiterten Ausbildungsbedarf“, bei dem es um allgemeine Handlungsfähigkeit in den Rahmungen der Künste, um individuelle Existenzbildung, Theoriebildung und Diskursfähigkeit sowie kulturgestaltende Aufmerksamkeit gehe „inklusive Managementkompetenz“. Begreife man die Hochschule als einen Frei- und Schutzraum der künstlerischen Entwicklung, „so gehören auch Ideen und Kompetenzen zur Bewältigung der besonderen Lebens- und Arbeitsbedingungen in den Künsten zu den Grundqualifikationen, um nach dem Abschluss nicht zu scheitern“.

„Bologna“ & Co. - Angst vor Normierung
Worum geht es eigentlich bei „Bologna“? Bis 2010, so das seit 1998 angestrebte Ziel, soll flächendeckend das Bachelor-Master-System eingeführt werden, um europaweit vergleichbare Studienstrukturen und -abschlüsse zu sichern. Ein Prozess, der insbesondere alle nationalen Systeme dazu zwingt, „zur Qualitätssicherung bestimmte gemeinsame Charakteristika aufweisen, wie etwa eine klare Definition der Zuständigkeiten aller Beteiligten, die Evaluation von Programmen oder Institutionen nach international anerkannten Verfahrensstandards sowie ein System der Akkreditierung oder Zertifizierung“, zu garantieren, wie die Hochschulrektorenkonferenz erklärt. Dies soll eine engere Verzahnung des Europäischen Hochschulraums mit dem Europäischen Forschungsraums ermöglichen. Der Europäische Hochschulraum umfasst mit seinen 40 Mitgliedern und fast ganz Europa.

Was Kritiker an der „Bologna“-Entwicklung vereint, ist die Hoffnung, einer normierten Verschulung Einhalt bieten zu können, ist die Weigerung, Bildung nur noch auf ökonomische Aspekte und auf Ausbildung, also Berufs- und Markttauglichkeit reduziert zu sehen. Sie alle stellen dar, dass gerade Kunsthochschulen durch ihre Vorab-Selektion, ihre auch personalintensive Betreuung und internationalen Austausch bereits etliche „Bologna“-Leistungskriterien erfüllen. Mittlerweile haben etliche Kunsthochschulen interne Bologna-Berater ausgewiesen, die den Prozess begleiten.


Literatur-Tipps
Elisabeth Al Chihade: Die Hochschule für angewandte Kunst in Wien und ihre Absolventen von 1970 bis 1995, Österreichischer Kunstverlag, Wien 1999
Christian Bode, Werner Becker, Claudius Habbich (Hg.): Kunst- und Musikhochschulen in Deutschland, dt.-engl., Prestel Verlag, München 2001 (leider vergriffen)
IGBK, annette hollywood & Barbara Wille (Hg.): RLTY CHCK, who is afraid of master of arts?, für 15 € erhältlich über art@igbk.de
Rüdiger John, Andreas Bär: Die Akademie ist keine Akademie, Baden-Baden: [sic!] - Verlag für kritische Ästhetik, 1999 (http://artrelated.net/sic/publication/3933809258/3933809258.pdf)
Katharina Knieß: dieakademiederakademie, „Kunst lehren und lernen“ in Junge Kunst Nr. 63 (2005)
Olaf Metzel, Akademie der Bildenden Künste München (Hg.): Basisarbeit, Akademie der Bildenden Künste, München 1999
Angelika Nollert, Irit Rogoff, Bart de Baere, Yilmaz Dziewior, Charles Esche, Kerstin Niemann, Dieter Roelstraete (Hg.): A.C.A.D.E.M.Y, Visual Essays, Revolver Verlag, Frankfurt/M. 2006
Bettina Pelz, Hochschule für Künste Bremen, Bundesakademie für kulturelle Bildung Wolfenbüttel (Hg.): Professionalisierungskonzepte in den Künsten (Dokumentation der Fachtagung am 17.11.06, Bremen), Libri Books on Demand, April 2007
Michael Schwarz (Hg.): beschreiben. zum beispiel eine kunsthochschule. Jahrbuch 3 der Hochschule für bildende Künste Braunschweig. Köln: Salon Verlag, Berlin 1999
Wolfgang Ullrich: Geschlechtsumwandlung. Wird die Kunst weiblich?“ in: ders.: Tiefer hängen. Über den Umgang mit der Kunst, S. 152-172, Wagenbach, Berlin ³2004
Links
zum Bologna-Prozess
www.kulturrat.de/dokumente/puk/puk2007/puk01-07.pdf (Bologna-Prozess)
www.hrk.de/de/download/dateien/Von_Bologna_nach_Berlin.pdf

zu Akademien und allgemein
www.kunstwissen.de/kunstakademien.htm