Über den Tellerrand hinaus

Manche Dinge klärt man besser gleich zu Anfang. Theoretisch. Denn wer denkt schon an Altersabsicherung, Berufsunfähigkeit, Familiengründung und Krankenkasse, wenn man gerade seine Ausbildung, sein Studium abgeschlossen hat?

Gerade Künstler tun sich damit erfahrungsgemäß schwer. Schließlich sind Projekte und Aktivitäten rund ums eigene Schaffen spannender und zielführender als die Bürokratie. Hier setzt das Paul-Klinger-Künstlersozialwerk e.V. an: Die in München beheimatete Institution mit ihren bundesweit rund 1.400 Mitgliedern – Künstler aller künstlerischen Sparten und Medienschaffende - hat die satzungsmäßige Aufgabe, Künstlern jeder Kunstrichtung Informationen für die soziale Absicherung kostenfrei bereitzustellen. „Vor allem Studienabgänger sollen rechtzeitig auf die gesetzlichen Möglichkeiten hingewiesen werden“, wie Geschäftsführerin Anita Keller betont, „in persönlichen Gesprächen vermitteln Fachleute die für Berufsanfänger undurchsichtigen Zusammenhänge zwischen Künstlersozialkasse, Krankenkasse und Altersvorsorge sowie die Notwendigkeit der steuerlichen Verortung“. Hierzu geht der Verein mit seinen Experten auf Anfrage in Fachhochschulen, Universitäten und Akademien.

Für 52 € Mitgliedsbeitrag steht ein Netz u. a. von Steuer- und Rentenberatern, Sozialpädagogen und Juristen zur Verfügung, das von Vermittlung von juristischem Beistand bis zur Hilfe beim Ausfüllen von Formularen bis zu täglichen Fragen des Lebens wie Vereinbarkeit von Künstlersozialkasse und Festanstellung, Mutterschaft und Krankenkasse, Nebenjob und Arbeitsamt etc. reicht. Dazu kommt die Möglichkeit, dass sich die Mitglieder untereinander mit Informationen unterstützen; unter ihnen finden sich auch auch die Kulturszene spezialisierte Marketing- und PR-Fachleute. Außerdem zahlt der Verein zinslose Darlehen an Not leidende Künstler aus und führt Sozialberatung durch.

Der amtierende Präsident, Gerhard Schmitt-Thiel, ist nach nun 30-jährigem Vereinsbestehen damit konfrontiert, dass sich die Einnahme- und Arbeitssituation der Vereinsmitglieder in den letzten Jahren durch die kulturfeindliche Steuerpolitik und durch die ruinösen Kulturhaushalte des Bundes und der Länder dramatisch verschlechtert hat. Unter den wirtschaftlichen Veränderungen leide auch, so der Journalist, „das Gebot der kollegialen Solidarität“. Entsprechend werden zeitgemäße Strategien entwickelt, um die Vereinsziele weiterhin zu verfolgen und vor allem junge Mitglieder zu gewinnen.

Dazu gehört der Fokus auf Netzwerke: Zunehmend entstehen gemeinsame, auch interdisziplinäre Projekte zwischen den Mitgliedern; gerade die wöchentlich versandten E-Mail-Newsletter - einer bundesweit, einer an die Münchner Mitglieder -, zu denen alle Mitglieder aktuelle Informationen und Anfragen beisteuern, ermöglichen einen zeitnahen Kontakt und Austausch untereinander. Dazu kommt der zweimal jährlich erscheinende „Klinger Report“ - und eine regelmäßig besetzte Geschäftsstelle, in der Anita Keller sich diskret mit den Anfragen und Sorgen der Mitglieder auseinandersetzt.

Manchmal geht es dabei auch um scheinbare Banalitäten, die aber für das Selbstverständnis von Künstlern von großer Bedeutung sind. Wie der kürzliche Anruf in der Geschäftsstelle, als ein Künstler der Meinung war, dass man, wenn man in der KSK ist, nur mit 7% Mehrwertsteuer Rechnungen ausstellen darf, dieser Steuersatz aber als „Looser-Steuer“ gelte - wer erfolgreich sein wollte, rechne mit 16 % ab.

Keineswegs sich die das KSW als Konkurrenz, sondern vielmehr als Ergänzung von Gewerkschaften; etliche Mitglieder sind sowohl in einer berufsspezifischen Interessenvertretung, als auch im KSW Mitglied. Aber Keller hat auch andere Erfahrungen gemacht: „Künstler leben und denken zu individualistisch, als dass sie sich unter gewerkschaftlichen Schutz stellen wollen, sie misstrauen oft ihren eigenen Berufsverbänden und Organisationen“, berichtet sie aus der Praxis, „wir sind deshalb besonders stolz, dass wir durch unseren täglichen Einsatz Vertrauen schaffen konnten und von Künstlern als Partner anerkannt sind, dem sie vertrauen können.“

Auch Anja Luithle ist in keiner anderen Interessensvertretung. „Ich habe mich bislang von den bestehenden Strukturen ein bisschen abschrecken lassen“, so die Stuttgarter Objektkünstlerin, mir fällt gerade aber auch kein Argument ein, was sich da beißen sollte.“ Luithle ist seit 1997 Mitglied; sie hatte damals Fragen zu einem weiteren Studium, „ich hatte mich nach dem Akademiestudium noch an der Uni eingeschrieben und plötzlich war alles unklar bezüglich der KSK und brauchte Rat“.  Durch einen Künstlerfreund kam sie an das KSW, „wo mir sehr kompetent und freundlich weitergeholfen wurde. Seither habe ich nichts weiter gebraucht.“ Sie findet „die Möglichkeit unheimlich beruhigend, dass es da ein Netzwerk von Menschen gibt, die sich weiterhelfen können und die ggf. mir helfen. Gerade in Bezug auf Fragen zur Rente und Geld, Honorare, etc.“

Attraktiv findet sie auch die Stammtische, regelmäßige - in München monatliche - Mitgliedertreffen, die dem Austausch und der Information dienen. Hier können, ebenso wie in den E-Mail-Newslettern, auch praktische Tipps vermittelt werden, „ganz banale Dinge, wie z.B. technische Hilfestellung“. Gerade das diesjährige Sommerfest in der Münchner Mohr-Villa Freimann, zu dessen Programm Mitglieder aus dem gesamten Bundesgebiet beitrugen, habe sie als „offen empfunden, und das ist ganz nebenbei ja auch eine Qualität, die ich oft vermisse“.

Im Juni 2007 wäre Paul Klinger übrigens 100 Jahre alt geworden. Dies wurde mit Kinoabenden in Hamburg, Essen und München sowie einer großen Gala am Starnberger See gefeiert. Zu diesem Anlass – und vom KSW initiiert – erschien am 14. Juni eine 55-Cent-Briefmarke, das ein Motiv aus „Hengst Maestoso Austria“ zeigt.

Paul-Klinger-Künstlersozialwerk e.V. wurde am 15. März 1974 von und für Künstler aus allen Kunstbereichen im Gedenken an den Schauspieler Paul Klinger gegründet, der während seines engagierten Kampfes für die soziale Absicherung für Künstler nach einer Rede den Herztod fand. Klinger spielte in den 50er-Jahren in zahlreichen Filmen mit, darunter „Immenhof“ oder „Zirkus Renz“. Darüber hinaus lieh er den Hollywoodstars Clark Gable und Cary Grant als Synchronsprecher sein Stimme.

Kontakt (auch Information zu den Stammtischen):
Paul-Klinger-Künstlersozialwerk e.V.
Tel. 089-57004895
geschaeftsstelle@paul-klinger-ksw.de
www.paul-klinger-ksw.de