Das Atelier für das Eigen-Marketing zu nutzen, das ist einer der Hintergedanken für die Künstler. Das bestätigt auch Thomas Sello von der Hamburger Kunsthalle (Museumsdienst Hamburg). Er bietet im Rahmen von Museumskursen und Projekten auch die Möglichkeit, durch Atelierbesuche mit Künstlern ins Gespräch zu kommen, wofür den Künstlern ein entsprechendes Honorar gezahlt wird („kostenlos dürfen Künstler nicht arbeiten“). Workshops in Künstlerateliers für Firmen, bei denen ihre Mitarbeiter kreative Erfahrungen vor der Staffelei, mit Pinsel und Acryl machen können. Sellos Ziel: die „Leute nicht nur in den Sammlungen der Kunsthalle begeistern, sondern auch vom Museum weg locken“ an die Orte, wo die Kunst hier und heute entsteht. Eine gute Chance für Künstler: So lernen sie nicht nur, ihre Arbeiten zu präsentieren, sondern damit auch, sich ihrer Arbeit sicher und klar zu werden. art goes public„, eine Hamburger Künstleragentur, setzt darum das Mittel „Atelierbesuche“ bewusst ein; auf Wunsch veranstaltet Sabine Horstmann Atelierführungen für Gruppen mit bis zu fünf Teilnehmern. Mehr, so ihre Erfahrung, würden den Rahmen sprengen. So werden potenzielle Kunden nicht nur an die Künstler heran geführt, sondern sie entwickeln hier meist einen Respekt vor der Arbeit des Künstlers, den man ohne diese direkte, ja intime Anschauung kaum gewinnen könnte.

Dies ist natürlich auch der wunde Punkt, den manchen Maler oder Bildhauer davor zurück schrecken lässt, sich mit seiner Arbeit derart offen zu präsentieren. Andere wiederum machen diese Öffnung zum konzeptuellen Bestandteil ihrer Arbeit. Wie Laura Kikauka, in deren Wohnung bis unter die Decke alltäglicher Nippes wuchert – in ihrer Berliner „Funny Farm East“ ist kein freier Zentimeter an der Wand zu entdecken, hier verwandelt sich hässlicher Alltagsmüll farblich und thematisch sortiert in ein Gesamtkunstwerk. Türöffner ist art:berlin, die Agentur veranstaltet immer wieder Führungen in Ateliers und zu Sammlern.

Mit ihrer Agentur „kunstkontakt„ bietet Petra Schwerdtner in Frankfurt/Main ein vielseitiges Kunst-Programm – wie Führungen zu Kunst im Stadtraum, Besuche von Unternehmenssammlungen, „Kunst und Literatur“ – an. In diesem Rahmen führt sie auf Anforderung private Gruppen wie Kunst- und Kulturkreise zu Künstlern, in deren Ateliers. „Die Frankfurter Künstler“, erklärt sie, „sehen das als Marketing-Maßnahme“. Schließlich ist für viele Betrachter und auch Skeptiker gegenüber Gegenwarts-Kunst „die erste Zugangsmöglichkeit das Herstellungsverfahren“. Künstler sind aber durchaus auch Besucher; wenn sie die Ateliers anderer Künstler besuchen, eröffnet das immer wieder andere Perspektiven und Zugangsmöglichkeiten. Schade nur, findet Schwerdtner, dass „Ateliergespräche noch relativ rar sind: es besteht nach wie vor Schwellenangst, man will sich als Laie keine Blöße geben“.

Berührungsängste, die Furcht davor, sich „eine Blöße zu geben“, besteht also offensichtlich auf beiden Seiten. Vielleicht erklärt sich daraus auch, warum Kreative in diesem Zusammenhang selten etwa das Internet nutzen. Stephanie Steinmayer gehört zu den wenigen, die ihr Atelier, ihre Verkaufsräume und ihre Arbeiten auf einer gut gemachten, zu Besuch und Kauf animierenden Website aufbereitet haben: Sie zeigt dort ihr Angebot an freien künstlerischen Arbeiten (Objekte und Bilder) und an grafischen (Auftrags-)Arbeiten wie Postern und Postkarten. Ein Button „Atelierbesuch“ lädt ein, ihre Welt genauer kennen zu lernen.

Auch Gisela Prokop findet Atelierbesuche wichtig, um die Kunden an den Künstler zu binden und ihn persönlich in seinem privaten Umfeld kennenzulernen. Dies ist, so weiß die Malerin und studierte Kunsthistorikerin, meistens wirkungsvoller als Ausstellungen in Galerien, die sind eher für das Renommee wichtig“, findet sie. Schließlich entspannten sich die Menschen im Atelier mehr, weil sie in eine andere, fremde „Künstler“-Welt eintauchten, was für die meisten spannender, authentischer und exotischer sei, als ein Galerie-Besuch: „Da werden zum Beispiel auch Klischees bestätigt“. Sommers wie winters bietet „Open Rambaldi“ den auf dem Gelände vertretenen Künstlern die Gelegenheit, sich zu präsentieren, selbstständig eine Schau zu organisieren, was sowohl dem wirtschaftlichen („keine Provisionen, da Atelierverkauf“), wie auch einem allgemeineren Marketing-Aspekt („Selbstdarstellung“) dient.

Inspirierende Literatur:
David Seidner, „im Atelier der Künstler“, Knesebeck Verlag, 49,90 €
Charlotte Seeling (Text), Corinne Korda/ Carina Landau (Fotos), „Der Garten der Künstlerin – 33 Porträts, Gerstenberg Verlag, 49,90 €